« Forschung und Lehre in Wirtschaftswissenschaften, Finance und Management sollen erneuert werden mit dem Ziel, dem Allgemeinwohl besser zu dienen»
(Genf-Fribourg-Zürich, März 2011)
Forschung und Lehre in Wirtschaftswissenschaften, Finance und Management sollen erneuert werden mit dem Ziel, dem Allgemeinwohl besser zu dienen.
1. Die Autoren dieses Aufrufs stellen mit Besorgnis fest, dass drei Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise, die die Schranken und Gefahren sowie die Verantwortlichkeit der herrschenden Lehre in Wirtschaftswissenschaften aufgezeigt hat, Letztere nach wie vor ein Quasimonopol in der akademischen Welt beansprucht. Dieses Monopol beruht auf der institutionellen Macht, die bedingungslos auf die Universitätswelt und die Forschung ausgeübt wird. Diese Beherrschung, weiter getragen durch die sogenannten besten Universitäten, geht mindestens auf ein Vierteljahrhundert zurück und ist weltumfassend. Doch die Art und Weise wie dieses Paradigma ungeachtet der gegenwärtigen Krise fortbesteht, zeigt sehr deutlich sein Gewicht sowie die Gefahr seines dogmatischen Charakters. Die Lehrkräfte und Forscher als Unterzeichner dieses Aufrufs stellen fest, dass diese Sachlage die Ergiebigkeit von Forschung und Lehre in den Wirtschaftswissenschaften, in der Finance und im Management einschränkt, denn die für die Gesellschaft wichtigsten Fragen bleiben unberücksichtigt.
2. Dieser Aufruf ist sowohl öffentlich als international und ist Teil eines breiteren Rahmens konvergierender Initiativen. In der Tat scheint die akademische Welt unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr in der Lage zu sein, einen offenen, innovativen und verantwortungsvollen Geist zu entwickeln und Menschen zu fördern, die fähig sind, die gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen zu meistern. Diese Sachlage beschränkt sich weder auf die Schweiz noch auf Europa. Forschung muss zum Allgemeinwohl beitragen und nicht wohlwollende Analysen produzieren über die vermeintlichen Vorteile der Finanzdurchdringung des gesamten Wirtschaftssystems, Vorteile, die sich ergeben sollen aus vermuteten Segnungen von Innovation und Finanzspekulation.
3. Professoren, Lehrkräfte und Forscher sind Träger des Vertrauens der Gesellschaft, die ihnen die Aufgabe auferlegt hat, ihr zu dienen durch die ständige Suche nach einem besseren Verständnis der realen Welt und durch die Weitergabe dieses Wissens. Nur dann hat akademische Freiheit einen Sinn. Sie ist Verantwortung und nicht Zügellosigkeit. So sollte es heute eine der grossen Prioritäten der Forschung sein, die eigenen Grundlagen und Praktiken in Frage zu stellen im Lichte der Ereignisse, die zur Finanzkrise geführt haben. Nur unter diesen Bedingungen wird es möglich sein, Verfahren und Lösungen zu entwickeln, die ein ausgeglichenes Funktionieren der Wirtschaft wieder erlauben.
4. Es ist vordringlich, über die Debatten hinter verschlossenen Türen unter Spezialisten hinweg zu kommen, die alle nach dem gleichen Muster funktionieren. Vorab sind solche Debatten nicht geeignet, die eigenen Vorgaben in Frage zu stellen. Die gegenwärtige Lage verlangt deshalb, dass diese Disziplinen einer gründlichen Untersuchung unterzogen werden, um die nötige Weitsicht für ihre Erneuerung zu gewinnen. Diese Selbstüberwindung wird nicht ohne starken inneren Widerstand zu vollziehen sein und muss deshalb von aussen beeinflusst werden. Um eine Vielfalt von Ansätzen sicherzustellen, müsste man die Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften, der Finance und des Management zur Diskussion stellen (erkenntnistheoretische, ethische und anthropologische Grundlagen).
5. Als Treuhänder des Volksvertrauens
und als Produzenten von Ideen, die das Verhalten von Menschen und die
Politik beeinflussen, möchten wir die Öffentlichkeit und die
Politiker auf die Tatsache aufmerksam machen, dass die Bedingungen für
die verantwortungsvolle Erfüllung unserer Mission in Frage gestellt
sind.
Dieser Aufruf richtet sich einerseits an die Studierenden, an die jungen
Forscher, an Kollegen sowie Wirtschaftsfachleute, und anderseits an diejenigen
Menschen, die öffentliche Aufgaben in der universitären Ausbildung
und in der Forschung erfüllen, an die Rektoren und Präsidenten
von Ausbildungsinstitutionen, sowie an diejenigen Personen, die für
die Forschungsfinanzierung verantwortlich sind. Ihnen obliegt es, in erster
Linie dafür zu sorgen, dass die notwendigen Bedingungen für
die fundamentale Erneuerung unserer Disziplinen rasch erfüllt werden
und eine Rückkehr zur Vielfalt der Analyseansätze gewährleistet
ist.
6. Die Professoren der Hochschulen,
Unterzeichner dieses Aufrufs, schlagen Handlungsalternativen vor, die
geeignet sind, den Pluralismus zu fördern, um sich gegen die Risiken
einer dogmatischen Scheuklappenmentalität und der daraus resultierenden
Politiken und Handlungsweisen zu wappnen. Sie schlagen insbesondere folgendes
vor:
Es soll ein kritischer
Rückblick initiiert werden, damit jeder einzelne Forscher sich wieder
bewusst wird, dass die Arbeiten, die er produziert, der Allgemeinheit
zu dienen haben, die die Forschung finanziert. Die akademische Freiheit
kann es in keiner Weise rechtfertigen, dass die Lehrenden und Forscher
ihre Verantwortung dafür nicht vollumfänglich wahrnehmen.
Auf der institutionellen
Ebene muss die Einigelung bekämpft und die Interdisziplinarität
wirksam gefördert werden.
7. Es müssen auch die Voraussetzungen
geschaffen werden, damit die Diversität auf allen Stufen der akademischen
Hierarchie anerkannt und gefördert wird. Das soll durch folgende
Strategien ermöglicht werden:
Bei der Einstellung
neuer Professoren muss berücksichtigt werden, ob die Kandidaten darauf
ausgerichtet sind, sozio-ökonomische Probleme zu lösen und ob
sie der Ethik, der Stabilität und Nachhaltigkeit des Wirtschafts-
und Finanzsystems verpflichtet sind.
Die Bewertungskriterien
der Forschung müssen erweitert werden, um die Eignung der ausgewählten
Forschungsziele einzubeziehen, den Inhalt und den interdisziplinären
Charakter der publizierten Artikel oder Bücher zu prüfen und
nicht allein die Anzahl der Publikationen in gewissen monolithischen Zeitschriften
zu registrieren.
8. Die Kritik an der vorherrschenden Denkweise ist ein wissenschaftliches Erfordernis. Es ist deshalb vordringlich, diese Wege zu beschreiten, damit die Vielfältigkeit der Denkweisen zur anerkannten und geschätzten Realität wird, die öffentliche Auseinandersetzung bereichert und die politischen Realisierungsmöglichkeiten beleuchtet werden.
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Die Kollegen aus Lehre und Forschung
sowie alle interessierten Personen, die diesen Aufruf lesen und
unterzeichnen wollen, können dies online über folgende
Adressen tun: |
Die Autoren dieses Aufrufs sind die folgenden (5 April 2010):
Titre/Prénom/Nom |
Institution d’attache |
Pays |
Prof. Hon. Claude Auroi |
IUHEID – Genève |
Suisse |
Prof. Heinrich Bortis |
Université de Fribourg |
Suisse |
Prof. Marc Chesney |
Université de Zurich |
Suisse |
Prof. Paul Dembinski |
Université de Fribourg |
Suisse |
Prof. Denis Dupré |
Université de Grenoble |
France |
Prof. Rajna Gibson |
Université de Genève |
Suisse |
Prof. Jean-Christophe Graz |
Université de Lausanne |
Suisse |
Em. Prof. Chris Lefebvre |
Université catholique de Leuven |
Belgique |
Prof. Rafeal Matos |
HES Sierre |
Suisse |
Em. Prof. Claude Mouchot |
Université de Lyon 2 |
France |
Prof. Alfred Pastor |
IESE – Barcelone |
Espagne |
Prof. Étienne Perrot |
Institut catholique de Paris |
France |
Prof. HES Marie-Françoise Perruchoud-Massy |
HES Sierre |
Suisse |
Prof. Frédéric Poulon |
Université Montesquieu – Bordeaux IV |
France |
Prof. Birger P. Priddat |
Université de Witten/Herdecke |
Allemagne |
Gilles Raveaud, Maître de conférence |
Université Paris 8 Saint-Denis |
France |
Prof. Sergio Rossi |
Université de Fribourg |
Suisse |
| Prof. Jean-Michel Servet | IUHEID - Genève | Suisse |
| Prof. Milad Zarin | Université de Neuchatel | Suisse |
